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Madrid brennt

Hohe Häuserfassaden, Monumente aus der Hochzeit der spanischen Kolonialmacht, begrüßten mich bei meinen ersten unsicheren Schritten im Zentrum. Eine dichtbefahrene Straße links neben mir, Madrilenos, die eilig von A nach B liefen, manche entgegenkommend, andere mich überholend. Mein Koffer polterte über die Straßen, während ich versuchte, die erste Orientierungslosigkeit nach dem U-Bahnfahren abzuschütteln und mühsam Straßennamen auf meinem Stadtplan mit den Schildern über mir abglich. Nicht nach Sevilla, nicht nach Cadíz und auch nicht nach Córdoba hat es mich verschlagen. Nein, diesmal ging es nach Madrid. Noch bevor ich mich hilfesuchend umschauen konnte, wo sich die Straße zu meinem Hostel befand, kam auch schon der erste Einheimische, der mit einem breiten Lächeln und aller Zeit der Welt fragte, wonach ich suchte. Geduldig erklärte er mir den Weg zu meinem Hostel, begleitete mich sogar noch ein paar Schritte.

„Fui sobre agua edificada, mis muros de fuego son.“

Madrid in den Sommermonaten Juli und August einen Besuch abzustatten, grenzt an Wahnsinn. Drumherum gibt es absolut nichts, was eine Ansiedlung und die Gründung einer Stadt rechtfertigen würde. Weit und breit war der Ort, an dem heute Madrid liegt, der einzige, an dem man Wasser  finden konnte. Somit bot es eine wunderbare Bastion, um von dort aus mehr vom Land zu erobern. Dies erklärt den ersten Teil des Satzes (Ich wurde über Wasser erbaut). Der zweite Teil (Meine Mauern sind aus Feuer) ist dafür umso faszinierender: Die Mauren, die bei ihren Eroberungen auch Madrid einnahmen, bauten Stadtmauern um die Stadt herum – und das nicht aus irgendeinem Gestein. Sie wählten Feuerstein. Als feindliche Heere anrückten und die Stadt erobern wollten, erlebten sie ihr blaues Wunder. Beim Beschießen der Mauern mit Pfeilen entzündeten sich diese und ein undurchdringlicher Ring aus Feuer legte sich um die Stadt. Für die Angreifer gab es kein Durchdringen, die Bewohner waren durch ihre Quelle mit Wasser versorgt. Clever, oder?

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Tor an der Plaza Mayor

Ankommen

Davon abgesehen spielt diese Mauer aus Feuer aber sicherlich auch ein bisschen auf die wallende Hitze in und um die Stadt an. Während meines Auslandsjahres sind mir so viele Madrileños begegnet, die der Hitze ihrer Hauptstadt entflohen und am Meer Abkühlung gesucht haben. Alle Spanier haben mich gewarnt: „Geh nicht dort hin, wenn es zu heiß wird. Die Stadt wird brennen.“ Und doch war es ein Wochenende Ende Juni, als ich mich aufmachte. Mit dem Bus. An dieser Stelle möchte ich hinzufügen, dass ihr, solltet ihr euch für einen solchen kurzen Städtetrip entscheiden, bei ALSA Plätze vorab reserviert – oder anders anreist. In Granada waren die Tickets für den ganzen Tag bereits am Morgen ausverkauft und so konnte ich wirklich von Glück reden, gerade rechtzeitig noch einen Platz im Bus bekommen zu haben, denn das vorabreservieren hat bei mir leider nicht geklappt.

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Metrostation Callao im Zentrum von Madrid

In Madrid angekommen habe ich zunächst die kühle Empfangshalle der Busstation betreten. Sie liegt etwas außerhalb des Zentrums und man muss noch mit Bus oder U-Bahn weiter rein in die Stadt, aber man kann sie gut erreichen. Bereits hier wurde mir klar, dass ich in einer gut organisierten Stadt angekommen bin. Nichts mehr mit dem andalusischen Chaos, nichts mehr zu spüren von der spanischen Aufschieberitis und dem ständigen Kleinreden von Problemen. Madrid ist eine Großstadt und es ist eine Weltstadt. Hier sind Modernisierungen und Verbesserungen der Lebensqualität an der Tagesordnung, allein schon, um weiterhin eine Rolle in der Welt zu spielen. Erreichen kann man die Stadt aber auch per Zug oder Flugzeug, wobei der Bahnhof Atocha direkt im Zentrum liegt, der Flughafen Madrid-Barajas allerdings mindestens eine dreiviertel Stunde entfernt liegt. In dieser Hinsicht ist die Stadt wirklich eine der privilegierteren Spaniens, leichter ankommen kann man eigentlich gar nicht – oder hat schon jemand den Teleporter erfunden?

Doch was macht Madrid eigentlich zu einer bedeutenden Stadt?

Zunächst einmal fällt einem sicherlich die Mode ein. Junge und moderne Designer, die sich für Innovationen interessieren und mit Stoffen spielen, fühlen sich hier zuhause, fernab der Eleganz von Mailand und der Haute Couture von Paris. Gleichzeitig ist es ein Zentrum des Filmes: In keiner anderen Stadt habe ich bisher so viele Kinos, so viele Filminstitute und -Vereine gefunden, einfach nur bei einem kurzen Spaziergang durch die Straßen. Madrid ist eine Hochburg der spanischen Kultur, das Zentrum, der Mittelpunkt des „Spanischseins“ schlechthin. Hier findet man Vertreter aus allen Regionen des Landes und gleichzeitig einen Angelpunkt für das reinste, klarste Spanisch, das man im ganzen Land finden kann. Hochspanisch. Frei von Dialekten. Natürlich ist die Stadt auch wirtschaftlich und ganz besonders politisch von Relevanz, welche Hauptstadt ist das nicht?

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Brunnen vor dem Palacio Real, dem Stadtpalast von Madrid

 Ein kleiner Spaziergang

Hostels direkt im Zentrum gibt es jede Menge. Ich habe mich für eines in der Nähe der Plaza Mayor entschieden und dieser Platz ist es auch, wohin mich meine Füße zuerst führen. Es ist bereits früher Abend, die Sonne steht schon tiefer und ihre Strahlen sind angenehm warm auf der Haut. In den Gassen glüht noch etwas die Nachmittagshitze nach, gleichzeitig herrscht ein buntes Treiben. Touristen wie Einheimische sind unterwegs, Gespräche in allen möglichen europäischen wie asiatischen Sprachen wabern zu mir herüber. Auf der Plaza fällt mein Blick zuerst auf die große Reiterstatue. Früher hat sich hier an heißen Tagen unangenehmer Gestank breitgemacht, viele hielten den Platz für verflucht. Es dauerte Jahrzehnte, bis jemandem auffiel, dass die Nüstern des Pferdes nicht geschlossen waren und sich deshalb Fliegen und anderes Getier ins Innere des Standbildes verirrten. Ihre Leichen sorgten für den unangenehmen Geruch.

Seit dieses Mysterium geklärt ist, lässt es sich auch für die Restaurants besser arbeiten. Alle Plätze sind belegt. Hier zu essen wurde mir dennoch von vielen Einheimischen abgeraten, da es nicht nur überteuert, sondern auch schlichtweg schlecht sei. Besser ist da schon die kleine Markthalle etwa hundert Meter hinter einem der Tore, das nach Osten geht. Allein schon das Gedränge in den Gängen spricht für sich. Auch sonst muss man wahrlich nicht hungern. Restaurants und Tapasbars preisen das Beste aus aller Welt an – zu wirklich moderaten Preisen. Mein Magen knurrte da richtig, aber die Entscheidung fiel gar nicht so leicht. Letzten Endes habe ich mich dann für ein Bocadillo de Calamares, ein belegtes Baguette, entschieden, um noch vor Sonnenuntergang am Tempel von Debod anzukommen und das atemberaubende Lichtschauspiel zu beobachten. Das Baguette isst übrigens jeder Madrileño mindestens einmal im Jahr auf der Plaza de Toros. Eine ungeschriebene Tradition, die weder einen bestimmten Grund noch eine besondere Herkunft hat. Man macht es halt einfach. Manches muss man ja auch nicht hinterfragen…

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Tempel von Debod in der Abenddämmerung

 Etwas Kurioses

Auf meinem Weg zum Tempel komme ich an der ehemaligen Stadthalle vorbei und mir fällt auf, dass sie ein Spitzdach hat, etwas völlig untypisches für diese Region und eher bekannt aus Ländern wie Österreich und der Schweiz. Gedacht sind diese Dächer nämlich für die großen Schneemassen, die dort bisweilen vom Himmel fallen, in Madrid aber nun wirklich nicht auf der Tagesordnung stehen. Wie es trotzdem zur Imitation dieses Baustils kam? Nun, es gab da mal einen spanischen Thronfolger, wenn ich mich recht entsinne, war es Carlos II., der angetan von der Habsburger Vorreiterstellung in Europa deren Stil unter Anderem in der Architektur nachahmen wollte. Nunja, zu Sinn und Unsinn von Imitationen will ich hier mal nicht mehr sagen. Klar ist, dass seine Idee von Spitzdächern in Madrid wohl eher in die Kategorie Unsinn gehörte.

 

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Ehemalige Stadthalle in Madrid

Und was gibt’s im Umland so zu sehen?

Weitere Sehenswürdigkeiten sind der Palacio Real, den man einmal in der Woche kostenlos besichtigen kann, bei meinem Besuch allerdings geschlossen war, da die Königsfamilie im Hause weilte. Bekannt ist auch das Museum Prado mit Kunst von der Renaissance bis ins 18. Jahrhundert sowie der Parque Retiro, der Erholung im Grünen verspricht. Auch lohnen sich Streifzüge durch die verschiedenen Viertel Madrids. Davon abgesehen ist die Stadt der optimale Ausgangspunkt, um das Umland zu erkunden. Mehr dazu in meinem nächsten Beitrag, wenn ich euch von Toledo, Aranjuez und Chinchón berichte.

 

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