Impressionen · Reisen

Quer durch Marokko gehts! – Teil 2

Gestern habe ich euch Tanger und Assilah vorgestellt, heute gehts also ab nach Tetouan, der ersten Stadt überhaupt, die ich so wirklich in Marokko besichtigt habe, und nach Chefchouen. Ihr merkt schon, ich gehe hier nicht in der Reihenfolge vor, wie ich die Städte besichtigt habe. Aber glaubt mir, einen Unterschied macht das nicht. Bevor ich euch nun aber von Tetouan erzähle und warum die Stadt auch „Paloma blanca“ (weiße Taube) genannt wird, möchte ich euch von Ceuta, der Stadt, „in der es wirklich nichts zu sehen gibt“, und den dortigen Grenzkontrollen erzählen. Ceuta, ja, das ist im Großen und Ganzen ein großer Hafen, in dem mehrmals die Fähre von Algeciras (Spanien) anlegt und damit tausende von Touristen auf den afrikanischen Kontinent strömen. Ceuta selbst ist noch Teil Spaniens und wie wir in Granada häufig erinnert werden, gehört die dortige Uni auch zur Universität Granada. Beim Ankommen am Hafen sprang mir zunächst die große Hafenmauer ins Auge, die äußerst mittelalterlich anmutete. Was dahinter verbarg, konnte ich dann vom Bus aus sehen: Bürogebäude, breite Straßen – und jede Menge Leere. Ceuta ist wohl wirklich kein Touristenmagnet, sondern eher Tor in die arabische Welt.

Zur Grenze – eine andere Welt

Konkrete Gestalt nimmt dieses Tor an der Grenze an. Da es verboten ist, Fotos zu machen, kann ich euch lediglich beschreiben, was sich dort abspielte: Hunderte von Autos stauten vor einem eisernen Tor, an dem Soldaten Wache hielten. Ja, auch auf spanischer Seite. Unser Bus wurde direkt durchgelotst, da sich bereits die ersten Kinder auf uns stürzten und verzeifelt unter den Bus kriechen wollten. IMG_7676Das ganze Prozedere wirkte wie hundertmal täglich durchgespielt. Die Einreise an dieser Stelle ist nicht weiter der Rede wert. Wir warteten zwischen den beiden Zäunen, also hinter der Grenze Spaniens und vor der marokanischen, während unsere Reisepässe gestempelt wurden. Ein kurzer Check, dass sich kein blinder Passagier an Bord befand und dann konnten wir auch schon einreisen. Doch direkt hinter der Grenze mussten wir bereits zum ersten Mal anhalten, weil sich ein paar Jungen (während der Fahrt!) hinten am Bus zu schaffen machten und in den Motorrraum klettern wollten. Ihr Ziel: Die komplette Reise in Marokko durchzustehen und ungesehen über die Grenze zu kommen. Stattdessen erhielten sie einen Klaps und wurden davongejagt. Soweit, so „friedlich“. Auf der Rückfahrt dauerte alles ein bisschen länger. Aufgrund der Staus konnte unser Bus nicht direkt zur Grenze durchstoßen und so hatten die Minderjährigen eine weitaus bessere Chance. Sie krochen teilweise ungesehen unter den Bus und versteckten sich in Hohlräumen, in den Reifen (Fragt mich nicht genau wie das geht, ich kann nur sagen, dass es geht!) und hofften auf eine erfolgreiche Grenzüberquerung. Direkt vor der Grenze versuchten es die letzten. Einer der Jungen, von seiner Größe her geschätzt sicherlich nicht älter als 12 Jahre, wurde erwischt und von den Soldaten getreten und blutig geschlagen. Seine Freunde mussten ihm aufhelfen, damit er davonrennen konnte. Das zu beobachten, ohne etwas tun zu können, ist erschreckend und zeigt doch, dass trotz all dem Tourismus Marokko eine andere Welt ist, ein Staat, dessen Recht nicht mit unserem Verständnis von einem Rechtsstaat zu vergleichen ist. Und der wirklich nicht allzu schön zum Leben sein kann, wenn die Jugendlichen versuchen, das Land zu verlassen, und auf dem europäischen Kontinent ein besseres Leben erhoffen. Und vielleicht gibt das dem ein oder anderen zu denken, wenn er sich über „Wirtschaftsflüchtlinge“ beschwert. Wer sind wir, dass wir Minderjährige zurückschicken wollen in ein Land, in dem sie keine Hoffnung für sich selbst sehen?

Tetouan

Doch über all das machte ich mir in Tetouan noch keine Gedanken. Ich habe es an dieser Stelle erwähnt, IMG_7813weil es wohl kaum an den Abschluss gehört. Zu sehr würde es das Bild von einem Marokko prägen, dass nicht lebenswert ist. Dabei ist doch gerade Tetouan ein Zeichen dafür, dass alles anders sein kann. Die Stadt ist geprägt von vielen spanischen Touristen. Auch sie liegt im Norden und wurde wie Tanger vom ehemaligen König Hassan II bewusst vernachlässigt. Dennoch pulsiert hier das Leben. Als Schwesterstadt Granadas erinnert sie sehr an die Dörfer in den Alpujarras – über die ganzen Hügel verteilen sich weiße Häuser. Ja, weiße Taube wird die Stadt genannt, denn das ist ihre Farbe. So wie jede Stadt Marokkos ihre eigene Farbe hat, ist weiß die Farbe Tetouans. Wir haben unseren Weg in der Medina begonnen und dort das Tuchviertel, das Brotviertel, das Judenviertel und viele mehr durchstreift. Wie mir die Mexikaner erzählt haben, gibt es die gleichen Sachen wie in Mexiko zu kaufen – und in der Tat fehlt hier ein bisschen das „marokkanische“. Mit der Hilfe unseres Guides fanden wir immerhin schöne Souvenirläden, Handwerksbetriebe und typisch marokkanische Geschäfte wie beispielsweise eine Kräuterapotheke, in der wir die Heilfunktionen verschiedener heimischer Pflanzen und Gewürze erklärt bekommen haben. Außerdem haben wir am Stand einer Berberfrau eine Erklärung bekommen, wie genau sich die Kleidung der Berber von den Marokkanern unterscheidet. Wohlgemerkt, beides sind Einwohner Marokkos, doch das „Bergvolk“ lebt nun mal eine etwas andere Kultur. Nach einem typisch marokkanischen Essen sowie Tanzvorführungen, wie sie für Hochzeiten üblich sind, ging es auch in die „Neustadt“, wo sich die üblichen modernen Geschäfte befinden und von dort aus gab es nochmal eine kurze Fahrt auf einen der Hügel, von wo aus wir die Stadt von oben betrachten konnten.

Chefchaouen

Habe ich mal erwähnt, dass es in den Alpujarras ein „Schlumpfdorf“ gibt, IMG_8483dass anlässlich der Premiere des Filmes Die Schlümpfe vollkommen blau angestrichen wurde? Nun, als ich in Chefchouen ankam, hatte ich stellenweise den Eindruck, dass man dieses Dorf ebenfalls „schlumpfig“ gemacht hat.Das Blau sollte aber vielmehr zur Abwehr gegen den bösen Blick dienen. Keine Ahnung, wie genau das funktionieren soll, aber der Glaube scheint gefestigt zu sein. Schon lustig, wenn man bedenkt, dass der Name der Stadt auf die „zwei Hörner“ referiert, die beiden Berge, die von der Stadt aus zu sehen sind und für mich ein bisschen wie die Hörner des Teufels anmuten. Vielleicht kam ja daher das Bedürfnis, sich schützen zu müssen. Die Stadt liegt etwa 62km südlich von Tetouan im Rif-Gebirge und zeichnet sich durch ein deutlich anderes Klima aus. Ja, auf dem Weg haben wir uns eine schmale Straße entlang in die Höhe geschlängelt und hier war es deutlich kühler. Dennoch ist hier der spanische Einfluss deutlich zu spüren, sprechen doch fast alle Bewohner die Sprache des Nachbarlandes, unter dessen Protektorat sie bis 1956 stand. In Spanien ist die Stadt eher als Xauen bekannt und war die letzte Bastion des Protektorats. Beginnend mit den Hippies in den 1960er Jahren hat sie sich inzwischen in einen touristischen Magneten entwickelt. Das ist insofern spannend, als das über Jahrhunderte hinweg für Ausländer der Zugang zur Stadt unter Todesstrafe versperrt worden war. Für uns heute ist das insofern gut, als dass sich dadurch der mittelalterliche Charakter erhalten hat und zum Glück dürfen wir ja inzwischen die Stadt betreten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s