Alltag · Erasmus

Kafka muss in Spanien gewesen sein

IMG_3501Eigentlich wird ja Deutschland nachgesagt, unglaublich bürokratisch zu sein. Und wer sich schon mal durch eine Steuererklärung oder einen Bafög-Antrag gekämpft hat, zweifelt daran sicherlich auch nicht. Ich habe mich dementsprechend auch eigentlich recht vorbereitet gefühlt auf den Bürokratiekrieg in Spanien. Ich meine, hallo? Spanien? Wie schlimm kann das schon sein für einen Deutschen, der es gewohnt ist, immer alle Dokumente beisammen zu haben? (Heute war tatsächlich der Angestellte im International Office der Uni sehr überrascht, dass ich alle Papiere ordentlich in einer Mappe habe!) Was also soll man da schlimmes erwartet in einem Land, in dem man jedes Papier auch einfach erst morgen bringen kann? No pasa nada! Klar, wenn man seine Dokumente nicht beisammen hat, dauert alles länger, aber auch hier: Hey, wir sind in Spanien. Was soll denn so eilig sein?
Nachdem ich nun schon die dritte Kopie meines Personalausweises anfertigen durfte und gesagt bekommen habe, dass noch weitere benötigt werden von der Uni, frage ich mich allerdings, was eigentlich mit dem ganzen Papier passiert. Ernsthaft! Diese Kopien gehen alle an das selbe Büro und ich muss zu sieben verschiedenen Treffen, bis ich endlich alle Formulare beisammen habe, die ich brauche, um mich einzuschreiben in die Uni. Und dann bin ich noch nicht für die Kurse registriert, habe meine Studentenkarte noch nicht beantragt und keine eigene Uni-E-Mail. Dafür brauch es erstmal je zwei weitere Anträge. Alles koordiniert vom gleichen Büro. Ernsthaft? Oh. Mein. Gott!

Es ist ein Arbeitsgrundsatz der Behörde, daß mit Fehlermöglichkeiten überhaupt nicht gerechnet wird. Dieser Grundsatz ist berechtigt durch die vorzügliche Organisation des Ganzen, und er ist notwendig, wenn äußerste Schnelligkeit der Erledigung erreicht werden soll. (Franz Kafka, Das Schloß)

Effizienz scheint zumindest an der Uni von Granada ein absolutes Fremdwort zu sein. Ich habe diese Woche anderthalb Stunden in einer Schlange gestanden, eigentlich sogar ziemlich weit vorne, in der jeder nur kurz in ein Büro musste, um einen Termin auszumachen, wann er sich für seine Kurse registrieren kann. Anderthalb Stunden hatte ich das Gefühl, dass sich die Schlange fast gar nicht vorwärts bewegt. Etwas Gutes hat diese Ineffizienz allerdings: Man hat alle Zeit der Welt, bis man seine Dokumente verstehen muss. „Si no sabes que escribir, no pasa nada!“ Endlose Warteschlangen haben zudem den angenehmen Nebeneffekt, dass der ganze Alltag unglaublich entschleunigt wird. Trotzdem: Ein bisschen fühle ich mich wie Josef K., der sich im Gericht nicht zurechtfindet und in den Kanzleien sogar von Schwindelgefühlen ergiffen wird (vgl. Der Prozeß). Vielleicht war Kafka ja gar nicht so inspiriert von der deutschen Bürokratie, sondern hat einen kurzen Urlaub in Spanien eingelegt und ist dort an den Beamten verzweifelt. Oder es lässt sich einfach sagen, dass in Spanien alles noch so zugeht wie in Deutschland zu Zeiten Kafkas, also Anfang des 20. Jahrhunderts.

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