Literarisches

Pedro Páramo – Juan Rulfo

Ich habe euch bereits Zama wartet von Antonio di Benedetto vorgestellt. Heute widme ich mich einem weiteren Werk Lateinamerikanischer Literatur, nämlich Pedro Páramo[1] von Juan Rulfo. Rulfo ist einer der unbekannteren Autoren, der auch nicht allzu viele Werke geschrieben hat. Diejenigen aber, die er veröffentlicht hat, verdienen Beachtung.

Zum Inhalt

Zu Beginn des Buches erfahren wir, dass Juan Preciado von seiner sterbenden Mutter den Auftrag bekommen hat, seinen Vater Pedro Páramo aufzusuchen.Juan Rulfo 1

Juan macht sich deshalb auf den Weg in das fiktive Örtchen Comala und begegnet unterwegs allerhand Charaktere, die seinen Vater kannten. Beim Lesen fällt schnell auf, dass irgendwas nicht stimmt: Aus den Erzählungen geht nicht hervor, wann Juan den anderen Personen begegnet und was es mit seinem Vater auf sich hat. Das Mysterium geht immer weiter, denn als Juan in Comala ankommt, findet er nur ein ausgestorbenes Örtchen. Im Wind sind Stimmen zu hören, doch die Häuser sind verlassen. Nach und nach wird dennoch Pedro Páramos Geschichte verständlich: Der Mann war Landbesitzer und hat gnadenlos über seine Bediensteten geherrscht. Er hatte viele Söhne, sich jedoch um keinen einzigen gekümmert. Seine Liebe galt Susanna, einer Frau, die ihn jedoch zurückgewiesen hat und erst spät zu ihm findet. Zu diesem Zeitpunkt ist sie allerdings schon geistig umnachtet und Pedro findet kein Durchkommen zu ihrem Verstand. Außer Susanna hat keine der Frauen auch nur ansatzweise so etwas wie Macht. Pedro wird immer grausamer, auf seinem Land herrschen Willkür und Gier. Seine Untergebenen beutet er aus und zieht damit Nutzen aus dem noch immer herrschenden Feudalsystem. Seinem Namen macht Pedro alle Ehre: Er ist herzlos und kalt wie der Stein in der Wüste.

Der Schlüssel

Juan befindet sich im Gespräch mit der Bettlerin Dolores, die ihm von den Geschehnissen im Ort erzählt. Was der Leser erst nach und nach erfährt: Die beiden liegen in einem Grab und sind selbst schon nur noch Geister. Die zeitliche Ebene verschwindet in Rulfos Werk zur Gänze, während Páramos und Juans Geschichten parallel erzählt werden. Alle Handlung spielt in der Vergangenheit und wird nur von Dolores erzählt. Es gibt also von vorneherein keine Möglichkeit zur Veränderung.

Juan Rulfos Werk ist nicht deshalb interessant, weil es das Feudalsystem in Südamerika schildert, sondern weil es der Versuch ist, eine eigene Literaturgeschichte zu schaffen. Haben sich die Literaten zunächst noch an Europa orientiert und die Gegenwart so realistisch wie möglich darzustellen versucht, brechen sie nun mit dieser Tradition. Rulfo schafft ein einzigartiges Werk, dass die Bedeutung der Zeit in einer Geschichte vergegenwärtigt. Ohne Zeit gibt es keinen Fortschritt, keine Hoffnung. Alles bleibt für immer stehen. Und so ist auch der Ort Comala gefangen und verwahrlost. Es gibt keine Revolution, keine Unabhängigkeit, nur Grausamkeit und Stillstand. Die Charaktere sind Tote, Geister in einer Stadt ohne Zukunft. Damit spielt Rulfo auch an auf lateinamerikanische Mystik und den Glauben an Tote, wie man ihn aus Mexiko kennt. Es gibt ein Leben nach dem Tod und einmal im Jahr kommen die Toten als Geister zu uns zurück. Durch diese Anknüpfung an lateinamerikanische Mystik und die Veränderung europäischer Tradition wurde auf dem südamerikanischen Kontinent ein neues Genre der Literatur geschaffen: Den Magischen Realismus.

Meine Leseerfahrung

Pedro Páramo ist gespenstisch und unheimlich zu lesen. Es ist verwirrend und beinahe unmöglich, beim ersten Mal verstanden zu werden. Wer sich aber durchkämpft, wird am Ende belohnt: Man bekommt einfach ein völlig neues Gefühl für die Welt, sieht Geschichte nicht mehr als einen stringenten Ablauf von Handlungen, sondern als ein Netzwerk. Man sieht Zukunft als Vergangenheit und Vergangenheit als Gegenwart. Es gibt kein Entrinnen, aber auch keine Notwendigkeit. Wer sich an dieses Buch heranwagt, sollte Zeit mitbringen. Es lässt sich nicht eben mal zwischendurch lesen, auch wenn es nur ein paar Seiten hat. Viele Textstellen sind verwirrend, das Buch liese sich genauso auch von hinten nach vorne lesen, dann in chronologischer Reihenfolge. Juans und Pedros Geschichten sind in Fragmenten erzählt, die nie direkt miteinander in Verbindung stehen und nicht immer ist klar, welcher Teil jetzt wie zu verstehen ist. Wer sich aber auf das Experiment einlässt, wird belohnt! Von mir gibt es diesmal keine klare Leseempfehlung, da es für viele Leser vermutlich zu komplex ist und nicht die Unterhaltung bietet, die man sich nach der Arbeit wünscht. Es eignet sich eben doch mehr zu Studienzwecken. Dennoch denke ich, dass man mal von dem Buch gehört haben sollte.

1) gelesen auf Spanisch

//goo.gl/EUDs6o

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