Literarisches

Zama wartet – Antonio di Benedetto

Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen, dass im Raum Paraguay spielt und zeitlich kurz vor den Unabhängigkeitskriegen in den Kolonien Südamerikas einzuordnen ist. Zama wartet (Original: Zama)[1] von Antonio die Benedetto stammt aus dem Jahr 1956, erschienen in Buenos Aires, und ist erstmals 1967 ins Deutsche übersetzt worden.

Zum Inhalt

Zama ist in einem kleinen Ort in Paraguay gestrandet und arbeitet dort als Beamter für zamaden spanischen König. Mehrere Stunden Schiffsreise trennen ihn von Buenos Aires, wo seine Frau und seine Kinder leben. Noch immer fühlt er die Verantwortung ihnen gegenüber und sehnt sich nach ihrer Nähe, doch sein Geld wird knapp. Immer weniger kann er seiner Familie schicken. Irgendwann bleibt ihm gar nichts mehr und er sieht sich gefangen in dem Beamtenapparat des Königs. Stolz auf seine hohe Anstellung muss er auch damit leben, dass nur die niederen Beamten ihr Gehalt ausgezahlt bekommen, damit sie keinen Aufstand anzetteln. Gleichzeitig kämpft Zama mit seiner eigenen Identität: Ist er nun ein richtiger Spanier im Dienste des Königs oder bleibt er doch der Mann mit Vorfahren unter der indigenen Bevölkerung? Ist er ein Amerikaner, ein auf dem neuen Kontinent Geborener? Wer ist er? Zama sucht Halt in seinen Beziehungen zu Frauen, doch auch von ihnen erfährt er nur Abweisung: Letzten Endes sind sie Lustobjekte, die sein Sexualverlangen beherrschen. Er bleibt alleine, stets mit der Hoffnung auf Besserung in seinem Leben. Hoffnung eine bessere berufliche Stellung. Hoffnung auf Geld. Hoffnung auf eine Familie. Auf eine Identität. Am Ende bleibt ihm nichts davon.

Zwischen den Zeilen

Zama wartet in keinem namhaften Ort. Das kleine Städtchen, in dem er als Beamter lebt, ist namenlos und ohne Charakterisierung, sodass er als imaginär, also vom Schriftsteller erfunden, zu werten ist. Er könnte überall sein. Und genau das macht dieses Büchlein so interessant: Zamas Suche nach einer eigenen Identität, seine Verlorenheit im spanischen Kolonialsystem und sein unentwegtes Bangen auf eine bessere Zukunft spiegeln nicht das Empfinden eines einzigen Mannes wider, sondern stehen in diesem Buch stellvertretend für Millionen von Menschen, denen es ähnlich ging. Benedetto verdeutlicht, wie in Südamerika das System der „gratitud“, der Dankbarkeit, ein Leben zerstören konnte. Zama schuftet unaufhörlich, stets mit der Aussicht auf eine Versetzung nach Buenos Aires. Beschwerden kann er nicht einreichen, da er sonst undankbar erscheinen würde und seiner hohen Stellung nicht würdig ist. Man würde ihm seinen Posten nehmen. Aber niemand hilft ihm, gewährt ihm diesen einen Wunsch.

Die Handlung dieses Buches ist etwa 200 Jahre vor unserer Zeit situiert. Dennoch hat Zama wenig von seiner Aktualität verloren. Die Gestaltung des Beamtenapparats lässt sich gut vergleichen mit Kafkas Prozess, ist aber weitaus näher und verständlicher beschrieben. Natürlich müssen die Südamerikaner heute nicht mehr nach einer eigenen Identität suchen, wie es bei Zama damals der Fall war, doch vermutlich kennt jeder diese Krise im Leben, in der man nicht mehr weiß, wohin man gehört: Fällt der Apfel nicht weit vom Stamm oder fühlt man sich doch seinen Eltern fremd und muss eigene Wege gehen?

Empfehlung

Zama wartet ist kein Jugendbuch und es kann auch nicht für die Krisen der Jugend stehen, aber man kann Zamas Krise mit der eines Jugendlichen vergleichen, der noch nicht seinen Weg gefunden hat. So wie er, so wie Jugendliche, mussten auch die Kolonien erst ihren Weg gehen. Wer sich für die Geschichte Südamerikas interessiert und gerne einen etwas anderen Blick als den aus Geschichtsbüchern auf das Thema bekommen will, dem empfehle ich Benedettos Werk ganzen Herzens. Es ist leicht zu lesen und man hat es schnell durch, auch wenn es nicht gerade mit der Spannung eines Thrillers aufwarten kann.

Zama wartet ist das erste von drei Büchern, die ich euch in meiner Lateinamerika-Reihe vorstelle.

1) gelesen auf Spanisch

//goo.gl/EUDs6o

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