Erasmus

Frei wie ein Gaucho

Es ist fast schon komisch, wie SAMSUNG DIGITAL CAMERAviele Geschichten ein einzelner Mensch erzählen kann. Manche davon traurig, manche lustig, andere so banal, dass sie beinahe untergehen. Und dann kommt ein Fremder, der voll und ganz dafür entflammt und immer mehr hören will.

Oscar ist so ein Mensch, der tausend Geschichten erzählen kann. Er ist Gaucho, lebt auf einer Estancia in Argentinien und hat sich ganz dem Leben mit den Pferden gewidmet. Doch wie erzählt man von einem Menschen, den man kaum richtig kennt, weil er schon zu viele Leben gelebt hat, als das man sie einem kurzen Bericht zusammenfassen könnte? Am besten vielleicht, indem ich euch von meiner kurzen Begegnung mit ihm erzähle.

Es war ein Maiwochenende, an dem ich auf die Estancia kam. Zuvor hatte ich etwas ratlos überlegt, wo ich das „richtig argentinische Gaucholeben“ kennenlernen könnte, und dann den wunderbaren Tipp „Probier es mal in San Antonio de Areco“ von meiner Zimmermitbewohnerin bekommen. Ganz klar ein Volltreffer!

Früh morgens kam ich mit drei anderen Mädels in der Kleinstadt drei Stunden westlich von Buenos Aires an und stieg müde aus dem Bus. Zunächst waren wir ratlos, schienen P1020440irgendwo gestrandet zu sein. Ein Taxifahrer sprach uns an und erklärte, dass er von der Estancia kam, um uns abzuholen. Erleichtert stiegen wir in seinen Wagen und kamen etwa eine Viertelstunde später vor dem prächtigen Haus zum stehen, dass 1880 für General Pablo Riccheri gebaut wurde, damit er dort seine Besucher empfangen konnte. An das Haus schlossen sich mehrere Gästezimmer und ein Swimmingpool an, die die Gauchos heutzutage Touristen für Übernachtungen anbieten.

Wir waren etwas früh dran, aber die Inhaberin bot uns an, zu frühstücken und danach eine kleine Rundfahrt mit der Kutsche zu machen, bevor die anderen Gäste kämen. Kurz darauf bekamen wir typisch argentinisches Frühstück serviert und schauten uns in dem kleinen Speisesaal der Estancia neugierig um. Das Haus war herrschaftlich eingerichtet, wirkte aber keineswegs luxuriös. Vielmehr hat man sich einfach sofort wie zuhause gefühlt. Nach dem Frühstück erfrischten wir uns kurz und gingen dann unsicher zu der Weide, auf der die Pferde untergebracht waren. Keine von uns vieren hatte bisher viel Erfahrung mit Pferden. Die Gauchos beobachteten uns belustigt. Als Oscar auf uns zukam und meinte, wir können gerne mit ihm auf der Kutsche fahren, dachten wir nicht weiter nach und folgten ihm mit dem Gedanken, dass er vermutlich nicht mit uns ausreiten würde. Wir hatten diese typisch städtischen Gedanken von einem alten Mann, der nicht mehr fit genug fürs Reiten wäre. Er wirkte einfach zu alt dafür.

Er führte uns in einem alten Wagen den staubigen Weg an ein paar Feldern vorbei und erzählte derweil von der Arbeit auf der Farm. Da er nur Spanisch sprach und meine Begleiterinnen gerade erst begonnen hatten, die Sprache zu lernen, fiel mir die Aufgabe des Übersetzens zu. Dummerweise hatte selbst ich nicht wirklich viel Ahnung vom Ackerbau und so fehlten mir öfters entweder das Verständnis für das Spanische oder die passenden englischen Vokabeln. Mit Händen und Füßen und einer Menge lustiger Beschreibungen ging es aber dann doch irgendwie. Währenddessen tollten die Hunde der Farm hinter uns her und bellten übermütig. Neben uns zog eine Herde Rinder vorbei, getrieben von zwei jungen Gauchos auf ihren Pferden. Sie grüßten Oscar wie einen geliebten Bruder. Er erklärte mir, dass die Jungen Neffen von ihm seien.P1020459

Zurück auf der Farm war es immer noch früh und da Oscar Spaß daran fand, mein Spanisch aufzupolieren, schlug er direkt vor, dass wir noch auf einen Ausritt mitkämen. Bereits während der Kutschfahrt hatten wir unseren ersten Gedanken vom alten Mann abgelegt und gemerkt, dass hinter Oscar noch mehr steckte. Etwas zögerlich gingen wir also auf die Pferde zu und fragten uns gegenseitig aufgeregt: „Die wissen schon, dass wir nicht reiten können, oder? Werden sie die Pferde führen? Wie sollen wir das Pferd überhaupt lenken? Was ist, wenn es plötzlich einfach losreitet?“

Wie sich bald herausstellte, brauchten wir uns da keine Sorgen zu machen. Die Gauchos hatten schlichtweg nichts anderes vor, als uns ins kalte Wasser zu werfen: Erstmal beim Aufsatteln helfen und dann sollten wir einfach der Meute folgen. Oder besser gesagt: Auf den Tieren sitzen und sie der Meute folgen lassen. Die Gauchos hatten ihre Pferde vollkommen im Griff. Wer reiten konnte, durfte einfach losreiten. Wer Angst hatte, konnte sich in gemächlichem Schritt über die Felder tragen lassen und mit Oscar Spanisch üben. Der Alte war begeistert von jedem Fremden, der sich in seiner Landessprache übte und mehr über das Leben des Gauchos wissen wollte. Und so erzählte er uns von seinen Abenteuern als kleiner Junge, wie er langsam lernte, mit den Pferden zu sprechen und sich anderen Gauchos anschloss. Er liebte das Leben auf dem Land, die Nächte unter sternenklarem Himmel und den Wind, der über die Felder strich. Und man sieht es ihm auch an: Dieses zufriedene Lachen, die wissenden Augen, die von einem abwechslungsreichen Leben erzählen. Oscar ist inzwischen über achtzig, aber noch so agil und munter, wie man es von zwanzigjährigen erwartet. „Ich habe mir die Jugend im Herzen aufbewahrt“, erklärt er mir (oder zumindest glaube ich, dass zu verstehen), „man weiß ja nie, wann man sie gebrauchen kann.“P1020477

Später kommen wir wieder auf der Estancia an und werden zum Mittagessen, dem typisch argentinischen Asado (vergleichbar mit einem deutschen Grillfest), an einen Tisch geführt. Es gibt Wein, Steak und Salat. Oscar nimmt seine Gitarre und spielt derweil ein paar der Lieder, die er als Junge gelernt hat. Seine Stimme ist kratzig und rauh, sie beschwört das Bild von eine Gruppe junger Männer, die ums Lagerfeuer herumsitzen und den Tag ausklingen lassen. Sie sind herrenlos, frei wie die Vögel am Himmel, und folgen einfach dem Tag. Jeder von ihnen weiß, dass der nächste Tag wieder hart werden wird, doch jetzt sitzen sie gemeinsam am Feuer und genießen ihre Freiheit. Es ist ein Bild von echten Gauchos, dass Oscar mit seinen Liedern in uns heraufbeschwört.

Für uns Touristen gibt es noch eine kurze Vorführung, wie die Gauchos ihre Pferde kontrollieren können. Und ich traue meinen Augen kaum, denn selbst nach der ein oder anderen Cowboyshow hätte ich niemals gedacht, dass diese großen Tiere zu solchen P1020463Bewegungen fähig sind. Ich beginne zu verstehen, was Oscar mir zuvor hat erklären wollen: „Wir sehen die Pferde nicht als unsere Arbeiter an, sondern als unsere Freunde. Wir arbeiten mit ihnen zusammen. Und sie wissen das. Darauf baut ihr Vertrauen.“

Später dürfen wir noch einmal ausreiten, diesmal sind auch andere Gäste dabei. Wir drehen eine größere Runde über andere Felder, während allmählich die Sonne untergeht. Plötzlich reitet einer der Gauchos neben mir her und grinst mich an. „Quieres andar más rapido?“ (Willst du schneller reiten?) Schüchtern lächele ich und schaue mich verloren um, nach Hilfe suchend. Oscar nickt mir aufmunternd an, die anderen jungen Männer lachen gutgelaunt und warten auf meine Antwort. Ich blicke wieder zu dem Mann, der mich angesprochen hat und ringe mir doch ein Nicken ab. Der junge Mann lacht und gibt mir den Rat, mich gut festzuhalten. Ein kurzer Pfiff und mein Pferd steigert sein Tempo vom Trab in einen schnellen Galopp. Auch einige der anderen Pferde beschleunigen und die Gauchos liefern sich ein heiteres Rennen. Ich habe einen Moment lang Schwierigkeiten, nicht zu fallen und klammere mich panisch an den Hals des Tieres, das sich keinen Deut um meine Unsicherheit zu scheren scheint. Als ich mich wieder etwas gefangen habe, legt es sogar noch an Tempo zu und wir holen die anderen Gauchos ein. Eine meiner Begleiterinnen wartet auf mich und strahlt mich an. „Du bist geritten!“ Sie selbst hatte als Kind die ein oder andere Reitstunde gehabt und ihre Unsicherheit schon beim ersten Ausritt abgelegt. Ich nickte beklommen und denke an meinen Beinahe-Sturz. Dann grinse ich. Denn der kurze Ritt hat mir gezeigt, was es heißt, frei wie ein Gaucho zu sein.

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Ein Kommentar zu „Frei wie ein Gaucho

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