Literarisches

Buchschmerzen

Ehrlich gesagt ist mir noch ein bisschen ein Rätsel, wie ich diese Feststellung eigentlich gemacht habe. Der Gedanke kam irgendwann in einer Unterhaltung darüber, wie ich mir den Tag nach der Schule vertrieben habe. Darauf gab es im Übrigen viele Antworten. Die entscheidende war jedoch: „Manchmal bin ich nach der Schule in die Stadt gefahren und hab mir Bücher ausgeliehen. Immer viel mehr als ich tragen konnte. Und weil ich jedes Mal zu doof war, mir eine Tragetasche mitzunehmen, hab ich dann die Bücher förmlich nach Hause geschleppt. Das gab dann öfteres Schmerzen in der Schulter und an heißen Tagen taten auch die Füße weh. Und natürlich hat immer der Magen geknurrt, weil ich nach der Schule nichts gegessen habe, aber dann doch mehrere Stunden in der Bibliothek verbracht habe. Nicht selten kam es sogar vor, dass ich direkt dort schon ein Buch gelesen habe.“

Ja, Bücher können Schmerzen bereiten. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir auf, wie viele Arten von Schmerzen es gibt und wie viele ein Bücherwurm durch seine Liebe zum gedruckten Wort erleidet. Da wären die Schmerzen, nachdem man einen ganzen Stapel Bücher durch die Innenstadt getragen hat, geduldig an der Bushaltestelle gewartet hat und dann nochmal ein paar hundert Meter nach Hause laufen musste. Gewiss, man kann froh sein, wenn ein Bus einem die schwere Last für ein paar Kilometer abnimmt. Nichts desto trotz, manchmal tut es einfach weh. Und wenn man dann endlich in Ruhe dasitzen und lesen kann, gibt es noch einmal andere Schmerzen. Da wäre zum Einen der noch immer nicht gestillte Hunger. Und mit Sicherheit nicht das Richtige im Kühlschrank. Aber egal, man will ja lesen, da lässt es sich auch noch warten bis der Prinz oder die Prinzessin kommt, die einem etwas leckeres kocht (bloß keine Suppe, die verschüttet man so schnell, wenn man im Bett sitzt und liest!).  Es dürfte wohl jedem klar sein, dass es sich hierbei nur um Wunschdenken handelt und der Hunger noch ein Weilchen bleibt.

Überwindet man ihn doch, stellen sich gerne mal Müdigkeit oder schmerzende Augen (aufgrund von Müdigkeit) ein. Kein Witz! Voller Magen scheint so etwas wie ein Codewort für den Körper zu sein, der nach dem Essen einfach nur noch ruhen möchte. Aber klar, man hat ja auch schon einen riesen Stapel Bücher ein paar Kilometer weit getragen. Selbst, wenn sich die Müdigkeit nicht gleich einstellt, irgendwann kommt sie doch. Das wird die Zeit, die wirklich grausam ist: Lesen oder Schlafen oder Lesen oder Schlafen oder Lesen? Ein wahrer Bücherwurm kennt die Antwort, die schmerzenden Augen sind der Dank dafür. Doch wofür wurden schon Streichhölzer erfunden?

Irgendwann hat man es dann geschafft: Der nächste Schultag liegt hinter einem und man kann wieder genüsslich hinter seinem Buch verschwinden. Das Warten darauf? Reine Tortur! Wer will denn nicht wissen, wie es weitergeht? Meist dauert es dann auch nicht lange und die Antwort steht endgültig fest – in Form eines zugeklappten Buches. Ab hier wird es tricky. Hat man sich bis dato auf der extradiegetischen Ebene der Schmerzen befunden, gelangen wir nun auf die intradiegetische Ebene. Soll heißen: Nicht nur die Rahmenhandlung des Lesens bereitet Schmerzen, sondern auch der Akt an sich. Für manche bedeutet das: Reine Qualen, weil sie überhaupt ein Buch aufschlagen müssen. Bei Die Leiden des jungen Werther können das zumindest die Deutschabiturienten nachvollziehen. Für andere bedeutet es das Hin- und Hergerissen sein zwischen weiterlesen und innehalten: Man möchte verweilen, weil es gerade so schön ist und doch drängt einen die Neugierde weiterzulesen.

Kommen wir zur Metaebene: Diese betrifft zumeist Angehörige irgendeines Fandoms.  Diese sind dafür bekannt, auf sehr intensive Art und Weise die Handlung mitzuerleben und sich in die Protagonisten hineinzuversetzen. Man könnte fast sagen, sie werden Teil der Handlung. Mögen sie verschont bleiben vom Zorn der Feuer speienden Drachen, denn wer weiß, wie sie ihren eigenen Tod verkraften werden! Wer es ganz weit treiben möchte, kann nun auch noch auf die metameta-Ebene der Schmerzen und mitfühlen, wie der Protagonist ein Buch liest, in dem die Person leidet. Aber ich will es mal nicht übertreiben.

Zurück zur intradiegetischen Ebene, denn bisweilen wird man ja aus seiner Konzentration auf das Buch herausgerissen, weil irgendjemand es für nötig hält, einen anzusprechen und tatsächlich eine Antwort erfordert. Wie konnte derjenige nur? Ein abgelenkter Blick, ein wütendes Knurren, bisweilen auch mal ein empörter „Ich lese gerade!“-Ausruf sind die Antwort. Und dann, wo waren wir gerade? Ach ja….

Man sollte meinen, die Schmerzen, die Bücher bei LEseratten verursachen wären damit abgetan. Aber nein! Was noch fehlt, ist der Hangover nach dem Lesen, die Minuten, Stunden oder gar Tage, in denen man gedanklich noch bei dem letzten Buch verweilt und sich fragt „was wäre wenn?“ Es ist die Geburt der Fanfiction. Und mit ihr kommen wir auch schon zu weiteren Qualen: Der Adaption der Bücher zu Filmen, die einfach nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen, dem Entdecken der Bücher in der Buchhandlung mit neuem Cover, das die Schauspieler des Films zeigt, dem völligen Missinterpretieren der Geschichte durch Fans des Filmes, und so weiter. Die Liste nimmt kein Ende.

Seien wir mal ehrlich: Bücherwürmer sind Masochisten, die einfach nicht genug kriegen können – weder vom Leiden noch vom Lesen! Und Bücher ganz eindeutig die besseren Waffen!

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